Behindert – Geboren um zu Leben

„Ist der so geboren worden? Oder hatte er einen Unfall?“ Diese Frage höre ich recht häufig. Oft ist der Tonus dann: „Gott der Arme, macht ihm das was aus?“ Cappi (richtig von Handicap abgeleitet) kommt ursprünglich aus Rumänien und hatte dort kein wirklich schönes Leben. Was genau ihm passiert ist weiß man nicht, Tierschützer fanden ihn verletzt in einer Seitengasse und haben ihn aufgenommen. Er wurde nach Deutschland gebracht, wo man ihm den Vorderlauf, nach Versuchen der Rettung,schließlich abnehmen mußte. Cappi ist heute 2 Jahre und lebt in meinem Rudel zusammen mit noch 2 anderen Hunden. Ja, er hat nur 3 Pfoten, aber eine Behinderung bei einem Hund unterscheidet sich deutlich von der eines Menschen.

Unweigerlich erhalten Hunde mit einem Handicap mehr Aufmerksamkeit und immer wieder werden unsere Gassirunden durch Menschen unterbrochen, die interessiert nachfragen. Grundsätzlich ist das absolut in Ordnung, doch leider neigen die Interessenten dazu, Cappi streicheln zu wollen. Und genau das mag er eben nicht. Er fühlt sich bedrängt und reagiert auch des öfteren schon einmal unwillig. Ein nicht behinderter Hund wird deutlich weniger gestreichelt, wir Menschen neigen dazu, durch Mitleid besonders liebevoll zu sein. Doch Mitleid ist, im Zusammenleben mit einem behinderte Hund, völlig falsch und wird vom Hund weder erwartet, noch gewünscht. Mitleid sollte auch nicht mit Rücksicht verwechselt werden.

Behinderte Hunde haben, im Gegensatz zum behinderten Menschen eine enormen Vorteil. Mental gesehen ist dem Hund die Behinderung nämlich gar nicht bewusst. Er verhält sich wie ein ganz normaler Hund. Auch ist er in der Lage, seine Behinderung durch andere Sinnesorgane zu kompensieren.

Ein Mensch mit nur einem Bein braucht eine Prothese, der Hund mit 3 Pfoten ist binnen kurzer Zeit in der Lage, sein Leben ganz normal zu führen. Halter von behinderten Hunden haben sich an ihren flinken 3-Beiner gewöhnt und es erstaunt nur noch die Beobachter, wie natürlich sich ein Hund mit 3 Beinen verhalten kann.
Und auch einem Hund mit nur 2 Pfoten kann man ein glückliches Leben bieten wenn gewisse Hilfsmittel, wie z.B. ein Rolli, zur Verfügung gestellt werden.

Muss man etwas bei der Erziehung beachten ?

In der Erziehung spielen 3 oder 4 Beine keine große Rolle. Voraussetzung ist natürlich immer, dass man den Bedürfnissen des Hundes gerecht wird.
Ist ein Hund beispielsweise taub oder blind, dann muss ich diese Art der Behinderung bei der Erziehung natürlich berücksichtigen. Ein tauber Hund ist auf Handzeichen angewiesen. Als Halter muß ich mich ein wenig verstärkt um meinen Hund kümmern, aber in der Regel lerne ich eigentlich viel mehr als der Hund. Seine Nase und seine Augen werden durch ihn vermehrt eingesetzt und er kompensiert dadurch seine akustischen Verluste. Ähnlich verhält es sich mit einem blinden Hund, der seine Sehkraft ebenfalls durch seine Nase, wie auch seine Ohren kompensieren wird.
Ich wage zu behaupten, einen tauben oder blinden Hund erkennt man erst auf den 2. Blick in einem Rudel anderer Hunde.

Im Grunde ist die Erziehung eines behinderten Hundes genauso zu gestalten wie die eines Hundes ohne Behinderung, nämlich mit Geduld und Konsequenz, jedoch abgestimmt auf sein Handicap.

Und natürlich braucht ein gehandicapter Hund Auslastung. Fährtenspiele, Suchspiele, Kopfarbeit, Apportieren, Agility, alles ist im Rahmen seiner Behinderung möglich und sollte auch gefördert werden. Stecken wir unsere Energie einfach in die individuelle Gestaltung der richtigen Beschäftigung für unseren Hund und entwickeln wir statt Mitleid viel lieber Vertrauen denn auch ein behinderter Hund will ein ganz normales Leben führen.
Und wenn wir ihm dann noch unterstützende Maßnahmen bieten, wie beispielsweise Physiotherapie und Muskelaufbau, Homöopathie, körperliche und geistige Zuwendung und genügend Ruhepausen, dann werden wir ganz schnell feststellen, das Leben mit einem behinderten Hund ist vielleicht anders, eventuell auch ein wenig kostenintensiver, aber auf jeden Fall lebenswert und geprägt von starker Bindung und Vertrauen.

Seht ihr das auch so? Habt ihr vielleicht einen behinderten Hund? Schreibt uns doch einmal eure Erfahrungen.

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4 Kommentare zu “Behindert – Geboren um zu Leben”

  1. by Jasmin am

    Wir haben keinen behinderten Hund, aber ich teile deine Meinung voll und ganz, da vieles davon bereits auf chronisch erkrankte Hunde auch zutrifft. Unsere Hündin hat Arthrose. Oft habe ich den Eindruck, dass viele Hundehalter, die diese Diagnose für ihren Hund bekommen, von da an nur noch „vorsichtig“ und scheu mit ihrem Hund umgehen und diesen überhaupt nicht mehr fordern. Ja, es ist richtig, solche Erkrankungen behandeln zu lassen und den Hund nicht zu überlasten, ABER es ist immer noch ein Hund, der leben, Spaß und Spannung haben möchte. Ich vermute, da sind viele einfach zu übervorsichtig. Dass Du Cappi so toll forderst und förderst finde ich klasse. Es ist zwar echt eine traurige Geschichte, die er da mitbrachte, aber nun hat er scheinbar so ein tolles Hundeleben. Was will man mehr ? 🙂

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    • by Sonja am

      Meine Freundin hat auch ein „Dreibein“ und wird ständig beim Gassi gehen angesprochen. Auf die (eigentlich sehr dämliche) Frage „Wo ist denn sein Bein?“ hat sie sich irgendwann angewöhnt, darauf ein wenig erschrocken zu sagen „Oh Mist ja! Eben war`s doch noch da!?! 😉 Finde ich persönlich sehr lustig 😉

      Ich merke keinen großen Unterschied bei Hunden mit Behinderung oder auch bei chronisch kranken Hunden (die ich bis vor kurzem noch hatte). Eben weil die Hunde es selbst nicht wahrnehmen und einfach ihr Leben leben mit den Möglichkeiten, die ihnen eben gegeben werden. Mitleid und eben auch Selbstmitleid kennen sie nicht…

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  2. by Dany am

    Vielen Dank für Deine Meinung Jasmin. Du hast absolut Recht, auch die chron. Erkrankungen sollten nicht unerwähnt bleiben. Denn auch ein Hund, der unter Diabetes, Leberschäden, Nierenproblemen oder Arthrose leidet, um nur einiges zu nennen, hat im gewissen Sinne bereits eine Behinderung. Ich würde mir wünschen, dass noch ganz viele hier ihre Erfahrungen aufschreiben. Es gibt sicherlich vielen Fans Mut und spendet Trost denn viele haben vielleicht irgendwo ihr ganz persönliches Schicksal mit ihrem Vierbeiner.

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  3. by Mara am

    Ich habe selber eine Behinderung und kenne die Fragen auch.
    Die meisten Leute haben einfach nie darüber nachgedacht, was passieren kann. So sind sie überfordert.
    Deswegen beantworte ich immer wieder deren Fragen, damit sie lernen, dass ein Leben mit Behinderung nicht unbedingt schlechter ist.
    Es ist anders. Mehr nicht.

    Macht weiter so und zeigt der Welt, dass ein Hund auf 3 Pfoten genauso gut ist wie alle anderen.

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